Sie heißt Skin and Bones, wie man hier am Titel bestimmt schon erkannt hat, und ich werd' sie hier wahrscheinlich Kapitel für Kapitel veröffentlichen. Diese Geschichte gibt jedoch nicht mein gesamtes und echtes Leben wieder, sondern ist auch mit viel Fantasie, Veränderungen und was weiß ich noch alles bestückt :D
Skin and Bones
Kapitel 1:
„Callie, darf ich dir mal sagen, dass du heute echt schön aussiehst?“ Sarah lächelt mich freundlich an.
Schön. Was ist das schon für ein Wort? Ich meine, wer bestimmt, was schön ist und was nicht? Wer setzt diese Ideale? Meiner Meinung nach sind es diese ganzen Models, mit ihren Streichholzbeinchen, ihrer Papierhaut, ihren Skeletthänden, ihren hohen Wangenknochen und den heraus stechenden Schlüsselbeinen. Mit ihren Bretterbäuchen und den Hüftknochen, die sonst nie jemand sieht. Unauffällig berühre ich meinen eigenen Bauch. Nichts mit flach. Er passt genau in meine hohle Hand, ich spüre die Wölbung, aber auch ansatzweise meine Hüftknochen. Ganz leicht. Fast nicht bemerkbar.
Insgeheim lache ich über Sarah. Mich schön zu nennen ist wohl eindeutig Geschmacksverirrung. Ich mit meiner schlechten Haut, meiner Zahnspange, die ich wohl erst zum sechzehnten wieder los werde. Meine Haare, ein Wirrwarr aus einem hässlichen Braunton und kaputten Spitzen. „Straßenköter-Braun“, hat meine Mutter es neulich genannt. Ihre Haare waren früher auch so. Deswegen ist sie auch der Meinung, dass ich meine Haare nicht färben muss. Möchte ich aber. So blond, wie der Ansatz von meinem Pony. So gefällt es mir.
„Was sagst du dazu, Callie?“ Super. Callie kriegt mal wieder nichts mit. Also versuche ich irgendwie den Ursprung der Frage zu bestimmen, und schnell lande ich bei dem fragenden Gesicht von Pierre.
Die gesamte Klasse sitzt in diesem Bus, wir fahren nach Köln, auf Klassenfahrt. Neben mir sitzt Ronja, sie wollte natürlich wieder am Fenster sitzen. Mit Ronja bin ich seit über 9 Jahren befreundet und ich kann immer wieder mit ihr lachen. Hinter mir sitzen Sarah und Anna, wobei ich sagen muss, dass Anna mir wesentlich sympathischer ist. Mit ihr kann ich viel besser reden als mit Sarah. Die erzählt ja immer gleich alles weiter. Ich weiß noch, auf Meikes Geburtstagsfeier, da war ich leicht angetrunken und hab ihr von meinem Liebeskummer erzählt. Kurz darauf wusste es die gesamte Klasse und sie ärgern mich teilweise heute noch damit, obwohl ich schon länger mit eben jenem Jungen, der mich so fertig gemacht hat, zusammen bin.
„Callie?“ Endlich drehe ich mich zu Pierre um. Hatte ich ihn doch glatt schon wieder vergessen. Da er ein paar Reihen hinter mir, aber ebenfalls am Gang sitzt, dreh ich mich um, und lehne mich nach vorne, um ihn leichter zu verstehen. „Frag mal Kai wie lange wir noch fahren!“ Klar Pierre. Wenn du endlich lernst mir in die Augen zu schauen. Pierre ist so der Typ Junge, der generell eigentlich NUR auf Brüste achtet bei Mädchen. Vor allem wenn man mit ihm redet. Scheint das Einzige zu sein, was ihm im Kopf vorgeht, und was ihn wirklich interessiert. Die Menschen interessiert doch eh nur das Äußere. Wirklich, nennt mir nur eine Person, die nur nach dem Charakter geht! Ein Mädchen, die den hässlichsten Jungen der Welt heiratet, weil er einen tollen Charakter hat. Eine Person nur!
Auf jeden Fall haben nur fette Leute Brüste. Dünne Mädchen haben Augen. Denen guckt man auch in die Augen. Riesengroße, unschuldige Kinder-Kuller-Augen. Und ich liebe meine Augen. Das Strahle-blau, und den braunen Ring um meine Pupillen. Komplimente für meine Augen habe ich schon oft bekommen. Für meinen Körper noch nie. Außer von meinem Freund.
Mein Freund ist auch so ein Fall für sich. Wie lange bin ich ihm hinterhergerannt? Und wie oft hat er mich schon abblitzen lassen? Aber jetzt hat er beschlossen, jeder einzelne Korb war ein Fehler, und ich bin die Eine. Wenn er meint. Ich hab da noch kein hundert prozentiges Vertrauen in ihn und seine Liebe. Hoffen wir das Beste, weil als er mir damals die Freundschaft gekündigt hat, hab ich so viel geweint. Das war der Moment, an dem ich anfing abzunehmen. So wenig und so gesund essen wie möglich, viele Fressattacken, und nicht nur einmal geritzt hab ich mich. Greg, mein Freund zu dem Zeitpunkt, nannte mich „psycho“ nachdem er die dünnen roten Striche knapp über meinem Handgelenk sah. Aber es tat so gut. Die alte rostige Schere anzusetzen, jedes Mal wieder hatte ich vor einer Blutvergiftung Angst, aber scharf war sie, meine Geschenkpapier-Schere. Und dann wurde durchgezogen. Und in dem Moment spürte ich nur den Schmerz. Nicht jeder Schnitt ging tief genug rein, aber alle saßen. Die richtige Stelle, man würde es bemerken, man würde meinen stummen Hilfeschrei hören. Die weniger tiefen Schnitte hinterließen nur dünne, leicht rötlich gefärbte Striche. Die tieferen hingegen ließen auch schon mal den ein oder anderen Blutstropfen über mein Handgelenk laufen.
Kennt ihr das, wenn ihr am liebsten schreien würdet, aber euch niemand hören soll? Wenn ihr liebend gerne einmal alles raus lassen würdet, aber stets werdet ihr zurecht gewiesen, „tu dies, tu das!“. Nicht einmal laut Musik kann ich bei mir zuhause hören.
Meine beiden Geschwister Ron und Eva gibt’s schließlich noch. Mit meinen 15 Jahren bin ich genau in der Mitte von den Beiden. Ron wird nächste Woche 18 und fährt schon seit Ewigkeiten Auto, davor Motorrad, davor Roller. Aber ob er mich mal irgendwohin fahren könnte? Nein, wieso auch. Wir verstehen uns schließlich nicht. Als ich neulich mein Fotoalbum durch geguckt habe, habe ich Fotos von uns gefunden, als wir ganz klein waren. Der drei-jährige Ron hält in seinen Armen seine kleine, da noch hellblonde Schwester und grinst von einem Ohr zum anderen. Das Einzige, was bei uns gleich ist, ist das Lächeln. „Wenn du keine Ohren hättest, würdest du im Kreis grinsen“ sagt mein Freund immer dazu. Ich glaube, es wird langsam Zeit, dass mein Freund einen Namen kriegt. Timo. Ein schöner, männlicher Name mit 4 Buchstaben. Das ist er. Nicht besonders groß, nicht besonders schön, aber ein wahrer Engel. Er hört mir zu, er spricht mit mir über meine Probleme und versucht mich zu verstehen und mir weiter zu helfen. Sein Ziel momentan ist es, mich selbstbewusster werden zu lassen. Und komischerweise weiß ich, dass er scheitern wird.
Aber zurück zu meiner Familie. Das Zimmer neben mir gehört Eva. Sie ist vor ein paar Monaten 13 geworden und hatte schon so viele Jungs. Bestimmt 5 mal so viele wie ich, und ich hatte schon echt zu viele. Ich höre auch immer wieder Gerüchte über sie. Von wegen sie will ES endlich erlebt haben. Mit 13. Und ich kriege auch nur über andere Leute mit, wann sie einen neuen Freund hat. Ich erinnere mich noch an den einen Abend, als wir ihr Zimmer neu tapeziert haben und sie bei mir geschlafen hat. Sie kam dann zu mir unter meine Decke gekrochen, hat sich an mich gekuschelt und geflüstert: „Weißt du, Callie, ich glaube nicht das Ethan der Richtige für mich ist. Das zwischen uns hat schon einmal nicht geklappt.“ Das war so schön. Und es ist schon so lange her.
„Sag mal, Callie, träumst du oder was ist los? Du reagierst ja heute gar nicht!“ Oh Mist. Pierre. Ich tippe Kai von hinten auf die Schulter: „Wie lange fahren wir denn noch?“ Kai ist unser Mathematik und Klassenlehrer, aber er hat gerade erst sein Referendariat bei uns an der Schule abgeschlossen, ist also noch unter 30, und deswegen hat er uns erlaubt ihn zu duzen.
„Ach, so lange dauert das gar nicht mehr“, erhalte ich auch schon von ihm eine Antwort, „in etwa einer Stunde dürften wir in Köln angekommen sein, und dann vielleicht noch mal eine viertel Stunde bis wir unsere Herberge gefunden haben.“ Gut erzogen bedanke ich mich und teile mein Wissen mit Pierre. Jedoch kann ich es mir nicht nehmen lassen ihm noch ein „hättest ihn auch selber fragen können, oder traust du dich seit der letzten Arbeit nicht mehr?“ an den Kopf zu werfen. Damit hab ich alle Lacher auf meiner Seite und einen bösen Blick von Pierre. Was muss er sich auch beim Abschreiben erwischen lassen? Meinen Spruch hat Kai natürlich gehört und dreht sich lachend um: „Callie, es kann leider nicht jeder in dieser Klasse mit dir mithalten!“ Flirtet er gerade mit mehr? Mein eigener Lehrer flirtet mit mir? Obwohl, Recht hat er ja. In Mathe, Deutsch, Englisch, Latein, naja, eigentlich in keinem Fach kann sich jemand mit mir messen. Letzter Zeugnisschnitt waren fantastische 1,5 im Durchschnitt, ohne Pauken. Da kann ich schon stolz drauf sein.
Ich schaue neben mich, auf Ronja. Sie hat den Kopf gegen die Fensterscheibe gelehnt, die Kopfhörer im Ohr und schläft mit offenem Mund. Hinter mir das selbe mit Anna und Sarah, Sarahs Kopf liegt auf Anna Schulter und beide schlafen wie die Kinder. Also lehne auch ich mich in meinem Sitz zurück, stelle mein Lieblingslied auf so laut, dass ich nichts anderes in meiner Umgebung mehr höre und merke, wie ich langsam aber sicher einschlafe.
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